Die römische Grabkammer in Weiden – mehr als nur ein antiker Bestattungsplatz

Wer weiß das schon? Mitten in Köln-Weiden, an der verkehrsreichen Aachener Straße, liegt einer der größten archäologischen Schätze Nordrhein-Westfalens und fristet seit langem ein „Dornröschen-Dasein“: eine römische Grabkammer aus dem aus dem
2. – 4. Jahrhundert nach Christus. Einst bestattete dort eine reiche Gutsfamilie ihre Angehörigen. Der Gutshof (villa rustica), auf dem sie lebte, ist archäologisch noch nicht nachgewiesen; er wird aber ganz in der Nähe gelegen haben.

Das Weidener Römergrab wurde 1843 eher zufällig bei Ausschachtungsarbeiten entdeckt; heute zählt es zu den besterhaltenen und eindrucksvollsten Grabanlagen aus römischer Zeit nördlich der Alpen. Es ist begehbar und zeigt noch einen Großteil seiner originalen Ausstattung. Die unterirdische Grabkammer würde auch in Rom etwas Besonderes sein.

Für jeden Besucher ist das Betreten der Grabkammer ein überwältigendes und unvergessliches Erlebnis; ihn erwartet ein einzigartiger antiker Raumeindruck, dessen auch emotionaler Faszination er sich einfach nicht entziehen kann. Das geheimnisvolle, fast magische Dämmerlicht, das durch eine Öffnung im Boden des aufgesetzten Schutzbaus einfällt, tut ein Übriges.

Auch schon in der Antike lag die Weidener Grabkammer an einer Straße, auf der das Leben pulsierte. Die sog. Via Belgica war eine der wichtigsten Verkehrsadern im Nordwesten des Imperium Romanum; sie verband einst das römische Köln und das Rheinland mit dem Inneren Galliens und der Kanalküste. Auch ein Teil des Britannien-Handels ging über diese Route. Sicherlich werden viele, die auf ihren Reisen in Weiden vorbeikamen, über den prunkvollen Grabbau nahe der Straße gestaunt haben, mit dem der Gutsbesitzer und seine Familie nicht nur ihren Reichtum dokumentierten, sondern sich selbst und ihren Angehörigen auch ein Zeichen bleibender Erinnerung gesetzt hatten. In römischer Zeit blieben die Verstorbenen im Gedächtnis der Nachwelt unsterblich.

Und auch das ist die Grabkammer in Weiden: eines der frühesten Zeugnisse staatlicher Denkmalpflege. Die Sicherung des archäologischen Befundes, die Errichtung eines Schutzbaus und eines Wärterhauses gleich nebenan durch die Preußische Provinzialverwaltung, seine öffentliche Präsentation und Zugänglichkeit, im Jahre 1848 sind noch heute – gut 170 Jahre danach – beispielhaft.

Machen Sie sich hier schon einmal ein Bild von dem einmaligen Erlebnis.

Seit 2017 kümmert sich der Förderverein Römergrab Weiden e.V. um die Zugänglichkeit und die Vermittlung der Grabkammer.

Das Archäologische Institut und das Regionale Rechenzentrum der Universität zu Köln und die Technische Hochschule Köln (Institut für Baubetrieb und Vermessung/ Institut für Informatik) haben die Weidener Grabanlage dreidimensional laservermessen, gescannt und rekonstruiert. Dadurch ist sie auch virtuell begehbar. Ebenso werden archäologische Sachverhalte vermittelt. Ziel ist es, später auch Mobilitätseingeschränk-
ten mittels „Virtuell Reality (VR)-Brillen“ den antiken Raumeindruck erlebbar zu machen, ohne dass sie dafür in die Grabkammer hinabsteigen müssen.

Über das Projekt und die Projektgruppe informiert gerne Prof. Dr. Eckhard Deschler-Erb, Universität Köln (edschle(at)uni-koeln.de).

 

Die Grabkammer öffnet das Tor zu einer anderen Welt – zum „Reich der Toten“; man begegnet den Abbildern der Verstorbenen. Zugleich verrät sie viel über die Lebenden.

Die Grabkammer gewährt zunächst einmal vielfältige Einblicke in die Jenseitsvorstellungen, das Bestattungswesen, den Totenkult und die Grabkunst der Römer.

Sie belegt mit ihrer in Teilen noch erhaltenen originalen Ausstattung aber auch, dass es sich selbst an der Peripherie des römischen Reiches, in der Provinz Niedergermanien (Germania inferior), dazu noch auf dem Lande gut leben ließ. Der Gutshof, zu dem die Weidener Grabkammer gehörte, warf offenbar hohe Gewinne ab, es herrschte Reichtum und Wohlstand. Der Besitzer und seine Familie konnten sich fast jeden Luxus leisten und ihn auch zeigen. Im Zweifelsfalle ließen sie sich alles, was die römische Art zu leben ausmachte und erforderte, von weither anliefern. Kosten spielten offenbar keine Rolle.

Man glaubt, in der Grabkammer im luxuriösen Speisezimmer eines römischen Hauses zu sein. Damals lag man zu Tisch. An drei Seiten sind Marmor inkrustierte Liegebetten mit gedrechselten Beinen, Auflagen, Rücken- und Seitenlehnen tief in die Wände eingelassen. Darauf die Porträtbüsten eines Mannes und zweier Frauen aus Carrara-Marmor aus der Zeit um 180 n. Chr. Beigestellt sind zwei Korbgeflecht imitierende Kalkstein-Sessel, wie sie auch auf Grabreliefs vornehmlich des 3. Jahrhunderts im Rhein-Mosel-Gebiet häufig zu sehen sind – seinerzeit offenbar beliebte Sitzmöbel und in Mode. Eine Vielzahl von kleineren Wandnischen ermöglichte es, Gaben für die Verstorben abzulegen. Daneben fällt ein überaus qualitätvoller, mit Allegorien von Frühling und Winter reich verzierter Marmor-Sarkophag eines Ehepaares ins Auge. Offensichtlich ein Importstück, das um 300 nach Christus in Rom angefertigt worden war. Schon die Transportkosten müssen gewaltig gewesen sein. Ursprünglich stand dieser sogenannte Jahreszeiten-Sarkophag wohl in einem vermutlich tempelartigen Grabbau über der Grabkammer; er muss bei deren Einsturz in die Tiefe gestürzt sein.